Vor Weihnachten, wenn das Portemonnaie üblicherweise etwas lockerer sitzt, wird wieder einmal zum nationalen Spenden aufgerufen. Nicht wie für ein Glückskette-Projekt gewohnt in einem Grosskampftag mit entsprechender medialer Begleitung und im Normalfall respektablen Ergebnissen. Nein, dieses Mal zählt jeder Rappen in einer (nach holländischem Vorbild gestalteten) Aktionswoche, in der Schweizer Radio DRS 3 rund um die Uhr live aus einer prominent plazierten Glasbox seine Spendenaufrufe ins Land schreit.
Wie zu befürchten, artet der Anlass in eine grosse Schulterklopf-Orgie aus. Promis und Cervelat-Promis drängeln sich in die Volière, um ihre Betroffenheits-Statements abgeben und wieder mal in den Medien erscheinen zu dürfen. Im Takt der Musik wird erwähnt, wie toll die Aktion ist. Nach einer halben Stunde hat man bereits eine Überdosis Spendenjingles auf dem Trommelfell, und die offizielle Hymne, eigens für diese Woche geschrieben, kann man nach dem zweiten Anhören leider auch auswendig mitträllern – leider, denn sie ist kein Glanzstück des Musikschaffens.
Dass das Schweizer Fernsehen zur DRS-3-Tonspur den Anlass mitverfolgt, macht die Sause zum unfreiwillig komischen Big-Brother-Event. Wir sehen aus hundert Kamerawinkeln teils in Webcam-Qualität das improvisierte Studio, wo … eigentlich überhaupt nichts passiert. Das heisst, es herrscht zwar hektische Betriebsamkeit, hören können wir aber einfach Musik, unterbrochen durch Jingles, Ansagen und gelegentliche Kurzinterviews. Das Programm meiner Waschmaschine (Sport, 40°) ist wesentlich interessanter.
Um auf ein Hauptanliegen dieses Blogs hier zu sprechen zu kommen, das Essen: Wieso um Himmels willen ernähren sich die drei Moderations-Helden eine Woche lang von irgendwelchen Gesundheits-Ersatzstoff-Drinks und lassen den Anschein erwecken, dass sie aus lauter Betroffenheit nichts essen? Keinem Hungernden auf dieser Welt ist geholfen, wenn wir auf sinnvolle Nahrungsmittelaufnahme verzichten. Und nein, auch die Malaria wird dadurch nicht ausgerottet. Lasst euch von einem Kurier Pizza ins Schaufenster liefern (gerne auch etwas anderes als Junk-Food wegen der Vorbildwirkung) und spendet das Salär der Ernährungs- und Saftmisch-Fachperson an die Kampagne!
Auffallend ist, dass das Musikprogramm von DRS 3 deutlich an Qualität und Vielfalt gewinnt, wenn es die Zuhörenden (gegen eine wohltätige Spende, versteht sich) selber bestimmen können. Und nicht nur mir persönlich ist das aufgefallen, sondern auch dem Moderatorenteam, das mehrmals auf den Umstand aufmerksam machte.
Ein Lichtblick in der ganzen programmierten Wohlfühlmisere war ein Auftritt des Stillen Hasen, der in Kleinstformation (Endo Anaconda und Schifer Schafer) eine wunderschöne akustische Version meines Lieblingshits «Furt» zum besten gab. Wer sich vom unvermeidlichen JRZ-Jingle nicht abschrecken lässt (Start des Lieds ist 0:07), dem sei nachstehendes Youtube-Video wärmstens empfohlen.
(Ich will fair sein: Vielleicht gab es ja durchaus mehrere Lichtblicke. Aber ich habe das Programm nicht bis zum zweiten ausgehalten.)